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Toetsboekje

Surinam-Reportagereise

Aus der gemeinsamen Recherchereise nach Surinam mit Nora Liebmann (freie Autorin beim ZDF) entstand u.a. eine Reportage über einen ungewöhnlichen Schüleraustausch:

Stadtkinder, Indianerkinder und "Bosneger"-Kinder (Marrons) reisen im eigenen Land, um die jeweils anderen, abgeschieden lebenden Bevölkerungsgruppen kennen zu lernen. Das Stück erschien in Surinam 2005 in der Tageszeitung "De West". 2006 wählte das Bildungsministerium in Paramaribo den Text für die Abschlussprüfungen der Volksschule.




Der Original-Prüfungstext mit einigen der Fragen.



Fremde im eigenen Land - Schüler auf Entdeckungsfahrt in Surinam

Text: Nora Liebmann

Fotos: Anneke Wardenbach

 

„Die Boote kommen!“ Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht in Galibi, am Ufer des Marowijne. Dann hört man auch schon das Stottern der Motoren am Strand und Dutzende Jungen und Mädchen klettern an Land. Aufgeregt bringen ihnen die Gastgeber ein Begrüßungsständchen, in ihrer Muttersprache Kalinja. Sie ernten erstaunte Blicke. Denn die kleinen Gäste stammen aus Domburg und Botopasi. Neben Niederländisch sprechen sie zuhause nur Saramaccanisch, Javanisch oder Hindi.




Kreolische und Javanische Schüler im Städchen Domburg bei Paramaribo.

Seit drei Jahren gibt es in Surinam einen Schüleraustausch in den Osterferien. Ein einzigartiges Projekt, bei dem sich Kinder aus verschiedenen Ecken des Landes gegenseitig eine Woche lang besuchen. In monatelanger Vorarbeit organisieren Lehrer, Eltern und Direktoren die Reise. Etwa 5.500,- Euro kostet der einwöchige Austausch. Gesponsert wird er von der deutschen Nichtregierungsorganisation ARA. Der Grund: ARA will den Umweltschutz in Surinam fördern. Und wo beginnt man besser damit, als bei den Kleinsten? Wenn die Kinder erst ihr Land gesehen haben, so die Idee, werden sie es auch zu schätzen wissen. Denn Surinam ist reich - an Natur, Kultur und Talenten.




Greet Tjoe-Nij

In diesem Jahr waren rund fünfzig Schüler unterwegs, Marrons aus Botopasi, Javaner und Hindoestaner aus Domburg und Inheemsen aus Galibi. In dem großen Dorf am Marowijne haben sich alle getroffen – in der Schildkrötenzeit. Auch einige Eltern sind mitgefahren und mit strahlenden Gesichtern zurückgekommen, erzählt Greet Tjoe-Nij. Die vitale ältere Dame kümmert sich um die richtige Verteilung der Finanzen. Sie verspricht sich viel von dem Austausch. „Ziel ist, dass sich die Kinder besser kennenlernen - ihre Kultur, ihre Wohnungen und Lebensgewohnheiten." In Surinam mit seiner vielfältigen Bevölkerung müsse ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen. „Zum Glück,“ so Tjoe-Nij, „haben Kinder noch keine Vorurteile entwickelt. Deshalb arbeite ich sehr gerne mit Kindern.“ Ricardo Pané, Häuptling von Galibi, bringt es auf den Punkt: „Wir wachsen zusammen, wir werden ein Surinam, vielleicht kann das nur spielend gelingen.“




Botopasi ist nur per Einbaum erreichbar.

Damit die Schüler in der kurzen Zeit auch wirklich voneinander profitieren, muss alles gut vorbereitet werden. Eine Aufgabe, die die Verantwortlichen jedes Jahr mit Freude und Sorgfalt übernehmen. So fuhr die Leiterin der Grundschule in Domburg, Lilian Dongen, mit einer Begleiterin nach Galibi, um Schlafgelegenheiten zu organisieren. Treffen mit Persönlichkeiten, wie dem Piai-Mann, Bastelarbeiten und Feste werden arrangiert. Nicht zu vergessen: die Verpflegung. Kleine wie große Menschen brauchen gute Küche, und darum kümmern sich die Eltern. Für manche von ihnen ein Schritt zu mehr Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit. So waren vor zwei Jahren zwei Frauen im Küchenteam, die das erste Mal im Leben ohne ihren Mann unterwegs waren. Zwar mussten sie schon früh um 5 aufstehen, um das Essen vorzubereiten, aber der Schatz an neuen Erfahrungen wog die Mühen auf. So hatte eine von ihnen Geburtstag und durfte sich über so viele Glückwünsche freuen wie nie zuvor.

 

Die Reise von Botopasi nach Galibi ist anstrengender und schwieriger zu organisieren als ein Flug von Paramaribo nach Amsterdam. Aber für die Kinder ist es ein Abenteuer. Die meisten von ihnen haben ihr Dorf noch nie verlassen. Oft fehlt das Geld, manchmal auch das Interesse der Familien. So wird der kostenlose Austausch zu einer einmaligen Gelegenheit, Land und Leute zu entdecken – andere Orte, andere Menschen, andere Kulturen.




Das Indianerdorf Galibi

Ricardo Pané, Häuptling von Galibi sagt, Kultur, das seien Sprache, Handwerk, Traditionen und Lebensumstände. Dazu gehören auch die Natur, die Tiere, die Pflanzen, und wie man damit umgeht. Eine Menge zu lernen also für die kleinen Gäste. Was zum Beispiel ist ein Piai-Mann? Nun, er hat ungefähr die gleichen Aufgaben wie ein Bonuman bei den Marrons. Und wie macht man Cassavebrot? Die Früchte reiben, ausquetschen, trocknen lassen, backen. Das Rezept für Bakabana ist zwar schneller erklärt, aber köstlich ist beides.

 

Kalinja sprechen die Karaiben in Galibi, Marrons, Javaner und Hindoestanen haben wieder ihre eigenen Sprachen. Zu den Festen tragen die Indianer bunte Gewänder und spielen auf großen Trommeln Sambura. Auch die Marrons benutzen Trommeln, aber die Musik ist nicht zu vergleichen. Gibt es denn auch Gemeinsamkeiten? Greet, die Ehefrau von Ricardo Pané, nickt. „Bei uns darf man nicht an den Fluß, wenn man menstruiert.“ Eine Sitte, die auch bei den Marrons in Botopasi so gehalten wird.




Marron-Kinder tanzen afrikanische Tänze.

Der 16-jährige Rodney aus Galibi hat auch an dem Austausch teilgenommen. Er erinnert sich an eine gemeinsame Feier und lacht verlegen. Ein Javaner, sagt er, hätte wie ein Frau getanzt. Hat er sich so feminin bewegt? „Nein, nein. Er trug die Kleider einer Frau!“ Für den jungen Indianer eine kuriose Begegnung mit der anderen Kultur. Es gibt etliche solcher Anekdoten: So musste ein Vater aus Domburg erst überzeugt werden, dass sein Sohn keinen Schaden nimmt, wenn er in einer Hängematte übernachtet. Und in Botopasi hält man vor dem Essen immer ein kurzes, christliches Gebet – eine Sitte, die für Javaner und Hindoestaner aus Domburg zuerst ungewohnt, am Ende aber beliebt war.




Norma Jusafad

Ein Problem allerdings seien die Sprachkenntnisse, erzählt Norma Jusafad. Sie arbeitet seit 30 Jahren bei der Medizinischen Mission in Botopasi und hat ihr Kind nach Galibi begleitet. In ihrem Dorf sprechen die Kinder miteinander Saramaccans. „Wir hatten abgemacht, auf der Reise nur niederländisch zu sprechen. Aber das war schwierig, machen haben dann gar nicht mehr geredet, denn in Galibi und in Domburg können die Kinder gut niederländisch!“ Norma findet, dass Eltern in Surinam mit ihren Kindern Niederländisch sprechen müssten. Sonst hätten sie später schlechtere Chancen.




Ricardo Pané

Dass beim Thema Bildung noch einiges geschehen müsse, findet auch Ricardo Pané. „Das Schulsystem im Binnenland muss noch stark verbessert werden, damit wir mit den Entwicklungen in der Welt Schritt halten können“, sagt er. Der Schüleraustausch sei dabei sehr hilfreich. Die Kinder würden motiviert, um mehr zu lernen, würden dadurch besser in der Schule, und wollten dann automatisch weiterführende Schulen besuchen. Das kann stimulierend wirken, um zum Beispiel für bessere Internate in der Hauptstadt zu sorgen, oder dass weiterführende Schulen im Binnenland aufgebaut werden."




Schulbuch auf einem Tisch in Botopasi: "Sicher lesen lernen"

August Wens, Verwaltungsvorsitzender im Ressort Debike, kann das bestätigen. Er erzählt, dass immer mehr Jugendliche aus Botopasi, die in die Stadt zur Schule gegangen seien, wieder zurückkämen. Der Grund: „Unterkunft, Internat und Bus sind zu teuer. Oder die Eltern müssen in die Stadt ziehen und das ist extrem schwierig.“ Der Schüleraustausch macht die Dringlichkeit dieser Versäumnisse deutlich. Gleichzeitig spornt er die Kinder an, weiter zu lernen, und besser zu werden. „Die Drittklässler werden stimuliert, die Volksschule abzuschliessen und dann mit auf Reise zu dürfen", sagt Wens.

 




Nationalhymne und Fahnenhissen zum Unterichtsbeginn in Botopasi.

Und wie um ihm Recht zu geben, schrieb eine Schülerin aus Domburg nach der Klassenfahrt: „Es sollten mehr derartige Projekte organisiert werden, so dass wir mehr lernen. Wissen ist Macht.“ Auch Greet Tjoe-Nij ist zuversichtlich. Sie betont, dass in diesem Jahr zwölf von dreizehn Schülern in Galibi ihr Abschlussxamen bestanden hätten. „Ich bin sicher, dass unser Projekt dazu beigetragen hat, denn sie haben mehr von Surinam gesehen. Die staatliche Ölfirma, das Bildungsministerium, usw...“ Tjoe-Nij lächelt. „Da bleibt etwas hängen“, sagt sie. „Etwas, was dich berührt, dass vergisst du nie wieder!“



Letzte Änderung:  19:03 02/08 2006